„Hier stimmt etwas nicht“ – Mobbing in der Grundschule

Ich war, bekannterweise, vor kurzem mit den Kindern auf dem DJH-Wochenende „DJH macht stark- aktiv gegen Mobbing“. Ich habe diesbezüglich auch immer mal wieder am Rande erwähnt, dass unsere Tochter in der Grundschule durch die Hölle gegangen ist. Nachdem ich jetzt das Wochenende und die Workshops besucht habe, fühle ich mich definitiv bestätigt in meiner Annahme, dass sie bereits in der Grundschule unter massivem Mobbing zu leiden hatte. Jetzt, nachdem diese Zeit hinter ihr liegt und wir nochmal in Ruhe miteinander gesprochen haben, habe die Erlaubnis von unserer Tochter bekommen, dass ich ihre Geschichte erzählen darf. Sie sagte, dass sie möchte, dass andere verstehen. Sie möchte damit anderen Kindern Zeigen, dass sie nicht allein sind und sie möchte Eltern zeigen, dass Mobbing viel Näher ist als man denkt.


Ich beginne mal von vorne und möchte vorab sagen, dass es eventuell ein wenig durcheinander klingen könnte.

A. ist ein fröhliches Kind und liebt die Schule

A. ist eine glückliche Schülerin und geht gern zur Schule. Sie hat Freunde und fühlt sich wohl in ihrer 2. Klasse. Am liebsten hat sie eine Klassenkameradin, mit der sie immer spielt. Auch privat treffen sich die beiden. Während des zweiten Schuljahres kommen weitere neue Schüler in die Klasse, die sind natürlich ein wenig älter. Eine von Ihnen findet schnell Kontakt zu A. und ihrer liebsten Klassenkameradin. Jetzt entwickelte sich aus dem Zweiergespann ein Dreiergespann.

Leichte Veränderungen

Nach den Sommerferien, als die Schule wieder beginnt möchte die liebste Freundin vor dem Unterricht nicht mehr von A. abgeholt werden. Ich dachte mir nichts Großartiges dabei, schließlich sind Kinder, wie sie sind. Also beginnt A. allein ihren Schulweg zu gehen. Nach ein paar Wochen beginnen bei A. morgens Bauchschmerzen. Da ich allerdings keinerlei weitere Anzeichen einer Krankheit feststelle ermutige ich A. dazu, dass sie zur Schule gehen soll. Hier blitze in meinem inneren das erste mal ein hauch von dem Wort „Mobbing“ auf, was ich aber sofort wider aus meinen Gedanken verbannte und durch „Sie fühlt sich blöde, weil sie jetzt morgens nicht mehr mit der liebsten Freundin geht“ abtat. Irgendwann stellen sich die Bauchschmerzen dann auch wieder ein und A. wirkt morgens deutlich entspannter. Sie erzählt, dass sie wieder viel mit der liebsten Freundin spiele und dass auch das neue Mädchen mit ihr spielen würde. Sie spricht davon, dass die drei jetzt richtige Freundinnen wären und sie freue isch total darüber.

Körperliche Symptome

Weihnachten kommt und geht, es wirkt alles ein wenig entspannter und auch die liebste Freundin schläft in den Ferien bei A. Dann beginnt wieder die Schule und morgens wirkt mein Mädchen wieder ruhiger, bekommt teilweise Bauchschmerzen und immer öfters kommen Anrufe aus der Schule oder der Betreuung, dass ich mein Kind abholen müsse, weil sie Übelkeit oder Durchfälle habe. Wenn ich sie dann abgeholt habe, vergehen die Symptome, sobald wir zu Haus sind. Ich beginne mich zu wundern, aber auf mein Nachfragen, ob was in der Schule oder mit ihren Freundinnen sei, verneint A. dies.

Hier Stimmt etwas absolut nicht!

Dann kam der Nachmittag, an dem ich sie aus der Schule abholen wollte. Ich stand am Schultor und suchte mit den Augen den Schulhof ab. Ich erblickte die liebste Freundin und das neue Mädchen. Ich sah, dass die beiden sich offensichtlich versteckten. Dann sah ich, wie mein Mädchen suchend über den Schulhof lief und immer, wenn sie in die nähe der Mädchen kam, lachten diese und liefen Händchen haltend davon. Ich bekam ein flaues Gefühl und mir gefiel die Situation nicht. Ich dachte nur „Hier stimmt etwas absolut nicht„. Für mich sah es nicht nach einem Miteinander aus. Ich hatte eher den Eindruck, dass A. das berühmte 5. Rad am Wagen war und dass sich die beiden über sie Lustig machen würden. Ich holte A. vom Hof und sie wirkte wieder ruhig/ in sich gekehrt.
Ich nahm A. mir dieses Mal zur Brust und fragte gezielt nach. Wir saßen auf dem Sofa und tranken Kakao. Ich fragte, was das vorhin auf dem Hof war. Erst schaute A. mich nur an und lächelte, krampfhaft. Dann rollten Tränen über die Wange meines Mädchens und sie sagte, dass das neue Mädchen und ihre liebste Freundin immer vor ihr davon liefen und miteinander tuschelten. Wenn sie die beiden dann darauf ansprach sagten sie immer nur, dass sie sich später noch treffen würden und A. da nicht mit reden könne und dass sie ja gar nicht vor ihr weglaufen würden. Sie würden doch nur spielen und A. sei zu spät gekommen und könne nicht mehr mitspielen. Dann berichtete meine Tochter, dass die anderen Mädchen so komische Dinge sagen würden. Wie, dass A. immer so blöd aussehe, dass A. komische Haare hätte, dass sie alte Kleidung trägt usw. Ich versuchte mein Mädchen aufzubauen und erklärte ihr, dass es immer Menschen gibt, die einem etwas nicht gönnen und dann verletzende Dinge sagen um anderen weh zu tun, damit sie sich besser fühlen würden. Ich sagte ihr, dass sie schöne Kleidung trägt, weil sie sich damit wohl fühlt und dass sie nicht etwas tragen soll, weil es jemand anderes so möchte. Ich ging aber auch mit ihr Shoppen, um zu demonstrieren, dass A. nicht immer alte Sachen trägt. (Ich sollte vielleicht erwähnen, dass wir einiges secondhand holen und fand es nie verwerflich und auch mein Mädchen nicht).

Das ärgern nimmt andere Dimensionen an

Dann nahm das „ärgern“ mit der Zeit andere Dimensionen an. Sie wurde nicht mehr „nur“ beleidigt. Nein. Sie wurde geschnitten. Plötzlich wollte keiner mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie stand in den Pausen alleine und niemand spielte oder sprach mit ihr. In der Klasse musste sie sich ständig woanders hinsetzen, weil keiner neben ihr sitzen wollte. Wenn sie neben manchen Jungs saß, dann bekam sie unter dem Tisch Tritte, oder die Federmappe wurde „versehentlich“ auf den Boden geworfen. Die Übermittagsbetreuung wurde ein Spießroutenlauf, weil auch hier keiner mehr mit ihr spielen wollte. Plötzlich stand mein Mädchen allein da. Ganz allein.

Mobbing

Ich wurde zum Teil bis zu drei Mal in der Woche angerufen und musste A. aus der Schule abholen. Auf Nachfragen meinerseits rückte A. nur Häppchenweise mit der Sprache raus und es dauerte weitere Tage, bis ich erfuhr, wie es ihr wirklich geht und was in der Schule gerade los ist. An dem Punkt schrie der Begriff „Mobbing“ ganz laut in meinem Kopf und ich wusste intuitiv, dass ich jetzt handeln musste. Ich telefonierte, nachdem ich alles wusste, mit der Lehrerin. Diese habe nichts von allem mitbekommen, wie sie mir und meinem Mann versicherte. A. traute sich auch nicht der Lehrerin davon zu erzählen, weil sie keine Petze sein wollte. Es wurde, nach unserem Telefonat aber nicht besser. Im Gegenteil. Mein Kind zog sich immer mehr zurück. Die morgendlichen Bauchschmerzen waren täglich da. Ich schaltete meine Beste, die Beruflich in der Schulsozialarbeit tätig ist, ein und fragte um ihre Hilfe. Sie sprach mit A. und bestätigte mir, dass es wirklich alles andere als schön in dem Schulleben unserer Tochter aussieht. Auf Ihrem Rat hin trafen wir erneut die Lehrerin, doch wieder änderte sich nichts. Ich nahm irgendwann das Telefon in die Hand und rief die Mütter der Mädchen an, die natürlich alles abstritten und mir erklärten, dass die Kinder gerade in „Lebenskrisen“ seien. Wir standen also hier, mit unserer Tochter, die sichtlich Krank war und es wirkte, als wenn uns keiner helfen würde. Ich versuchte mehrfach den Schulsozialarbeiter zu erreichen und kontaktierte ihn auch schriftlich, aber leider kam nie eine Rückmeldung. Ich weiß nicht, ob ich nicht vehement genug gewesen bin, aber ich hatte ja das Glück, dass meine Beste an unserer Seite stand und so A. Unterstützung geben konnte. Aber ohne ihre Hilfe, hätten wir Sprichwörtlich „dumm aus der Wäsche geschaut“.

Veränderungen bringen ein wenig Luft zum Atmen

Wir sprachen unserer Tochter Mut zu und versuchten ihr den Rücken zu stärken. Mein Mann und ich taten alles was uns möglich war um ihr die Schule schmackhaft zu machen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und sie zu ermutigen morgens aufzustehen und in die Schule zu gehen. Wir meldeten sie aus der Mittagsbetreuung ab, weil sie nach den Ferien in die 4. Klasse ging und sie den Wunsch äußerte nicht mehr dort hin zu müssen. Sie habe dort eh keine Freunde und sei immer nur allein weil keiner mit ihr spielen/ reden würde. So begann A. nach den Sommerferien nach Schulschluss allein nach Haus zu gehen. Sie war gute 45 Minuten unterwegs, aber freute sich jeden Tag, dass sie nicht in die Betreuung müsse. Diese Veränderung ihres Schulablaufes brachte ihr Luft zum Atmen. Dann wechselte der Klassenlehrer mit dem Schuljahreswechsel auch noch und wir klärten den neuen Lehrer direkt über die Situation auf. Dieser viel Sprichwörtlich „aus allen Wolken“, weil er nicht von der alten Lehrerin erfahren hat, das A. in der Klasse einen solch schweren Stand habe und es ihr in der Klasse nicht gut gehe. Der Lehrer setzte sich ein und versuchte die Situation zu entzerren. Er setzte die Mädchen auseinander und versuchte für unsere Tochter einen Platz zu finden, wo sie sich wohler und vor allem sicherer fühlte. Er stand mit uns in engem Kontakt und wir tauschten uns regelmäßig aus. Wir beobachteten alle unser Mädchen und wenn sie wieder in der Schule anfing über Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit oder Durchfall zu klagen, rief der Lehrer nicht umgehend an, sondern ging mit A. in ein vier Augen Gespräch, ob es ihr wirklich nicht gut ginge, oder ob sie etwas anderem auf den Herzen habe. Ob etwas vorgefallen sei und er vermittelte ihr dass es in solchen Situationen kein Petzen sei, wenn sie etwas sagen würde. So haben wir so manche Situation aufgefangen, in der A. sich sonst hätte zu Haus verkrochen. Der neue Lehrer gab A. die Sicherheit in der Schule, die sie brauchte und das Gefühl von Verständnis. Dennoch blieb A. bis zum letzten Tag auf der Schule eher allein und hatte nur sehr wenig „Freunde“. Sie wurde völlig isoliert. Sie fand keinen Anschluss mehr und zählte die Tage, bis sie die Schule wechselte.
Ihr fielen Berge von Schutt vom Herzen, als der Tag des Schulwechsels kam und nur noch ein weiteres Kind aus ihrer alten Klasse mit ihr in die neue Schule ging. Sie fand sehr schnell Anschluss in der neuen Gemeinschaft und brauchte ein paar Wochen, bis sie sich traute sich auf Freundschaften einzulassen. Jetzt hat sie Freunde und geht mit Freude zur Schule. Sie hat morgens keine Bauchschmerzen mehr und fühlt sich wohl. Lernen und Schule machen ihr Spass und sie geht mit einem ehrlichen Lächeln zur Schule und kommt mit guter Laune zurück.

Es lief so vieles schief…

Ich fand die Situation in der Grundschule alles andere als schön und habe mich bei der alten Lehrerin nicht wohl gefühlt. Im Gegenteil. Wir hatten eher das Gefühl, weil sie das Ganze nicht sah, existierte keinerlei Problematik und A. sei einfach ein Kind, welches zu Krankheiten usw. neige. Ich fand es auch sehr schlimm, dass der Schulsozialarbeiter sich in keiner Weise für uns verantwortlich zu fühlen schien. Ich meine, die Briefe, Mails und anrufe müssen ja irgendwo angekommen sein. Ja ich weiß, dass in unseren weiterführenden Schulen eng mit der Schulsozialarbeit zusammengearbeitet wird und ich weiß, dass die Leute einen super Job machen, aber genau das wünsche ich mir schon für die Grundschulen. Und nur weil unser Kind nie geprügelt worden ist, was man offensichtlich gesehen hätte, so ist sie seelisch gequält und geprügelt worden. Psychisch ging es ihr wirklich schlecht und Verletzungen dieser Art sind nun mal nicht offensichtlich und dennoch da. Auch schon in der Grundschule. Und ja, dass ist Mobbing und zwar in Reinform.
Ich weiß jetzt auch, nach dem Mobbing- Workshop auf dem Wochenende, dass wir hätten einiges anders machen müssen oder das meine Alarmglocken deutlich eher hätten Gehör bekommen sollen. Auch wir sind nicht ganz unschuldig an der Zuspitzung der Situation. Dennoch haben wir uns, bis der neue Lehrer kam, sehr allein gefühlt, weil wir unserem Kind nicht richtig helfen konnten.
Umso glücklicher sind wir, dass es unserer Tochter heute so gut geht. Natürlich hat der Schulwechsel sehr viel damit zu tun, aber ich glaube auch die Tatsache, dass wir unser Kind ernst genommen haben trug vieles dazu bei.

2 Kommentare bei „„Hier stimmt etwas nicht“ – Mobbing in der Grundschule“

  1. Normalerweise lese ich nur still mit, aber wollte jetzt doch schnell liebe Grüße für deine A. dalassen.
    Ich finde es toll, dass ihr auf so einem Wochenende wart und kann mir vorstellen, dass es für A. hilfreich ist und war, mehr über Mobbing zu lernen – dass das so vielen Menschen passiert, dass da seltsame Gruppendynamiken dahinterstecken und dass vor allem an ihr gar nichts falsch ist. Schule ist schon komisch – man steckt 30 Kinder jeden Tag in einen Raum, manche Kinder sind so bescheuert (okay, vermutlich… alle mal… irgendwie in unterschiedlichen Ausprägungen ;)), und dann kommt so ein Mist raus. Und sie war diejenige, die Pech hatte. Aber es geht vorbei. Und wenn sie mal so alt ist wie ich und sich überlegt, wie die Schulzeit und die Kindheit war und wen sie kennt, der mal gemobbt wurde, dann wird sie merken – mal gemobbt zu werden, das passiert den allerbesten und feinsten und grandiosesten Menschen. Den Vollpfosten passiert das nie 😉

  2. Vielen Dank für Deinen Beitrag. Meine Große hatte auch Schwierigkeiten in der Grundschule. Keine feste Freundin, die Jüngste, einer der Schlauesten, ein kleines bäuchlein.. als der Terror los ging, habe ich mich einer Freundin anvertraut. Die meinte, abwarten…Kinder sind halt so..und meine Grosse (auch A) dann nicht mehr so viel erwähnte, sagte ich nichts zur Lehrerin. Die war nämlich toll und hätte bestimmt geholfen. Das Ende vom Lied: kaum selbstbewusstsein, ähnliche Situationen im Gymnasium und nie zufrieden mit dem Körper (Sie war ja damals, laut der 9j Jungs) ein fettes Schwein. Eine magersüchtige Phase und nie gut genug. Wie schlecht es ihr ging, habe ich alles erst später erfahren. Weil ich damals nicht auf mein Gefühl gehört habe….Schön, dass der neue Lehrer eurer Tochter reagiert hat. Alles Liebe für A

Schreibe einen Kommentar

*

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu