Zurück in den Alltag nach missed abortion (Fehlgeburt)

Ich fange mich so langsam wieder, nachdem mir mein Arzt mitteilte, dass bei Krümel kein Herzschlag mehr ist. Auch die Kürettage liegt bereits einige Wochen zurück. (Ich erzählte meine Erfahrung diesbezüglich) Ich habe mich in den letzten Wochen dazu aufgerafft immer mehr den Alltag zu stemmen. Dennoch hat mich mein Gynäkologe und danach meine Hausärztin erst mal Krankgeschrieben, weil es mir erst mal körperlich und später auch psychisch nicht gut ging.

Reden hilft mir bei der Verarbeitung

In den letzten Wochen habe ich zunehmend immer mehr über das Geschehende gesprochen.

Je mehr ich mich, vor allem mit ebenfalls Betroffenen, austauschte, desto besser ging es mir.

Mir tut es gut zu sprechen. Den Verlust und die Trauer in Worte zu fassen.

Aber auch der Alltag zu Haus hilft mir. Ich brauche die Routine mit meinen Mädchen. Das aufstehen müssen, die Kinder zur Schule und KiTa bringen, das Essen machen, der Haushalt und auch das fahren zu den jeweiligen Hobbys.

Dennoch treffe ich mich nur mit und mit wieder mit meinen Freunden.

Ich sehe an meinem Mann, dass er es deutlich schneller verarbeitet hat als ich und dennoch hilft es mir zu sehen, dass er anscheinend einen Schlussstrich unter das Kapitel „Krümel“ gezogen hat.

Ich merke, dass ich wieder arbeiten möchte. Also beginne ich diesen letzten Teil des Alltages in Angriff zu nehmen.

Ich habe Angst

Ich hatte Anfang Februar unglaubliche Angst zu meiner Chefin zu gehen und mitzuteilen, dass ich mein Kind verloren habe. Mir ist es sehr schwer gefallen darüber zu reden, weil es noch so unglaublich frisch war und der Schmerz mich übermannt hat.

Ende Februar fällt mir dieser Gang leichter. Ich muss meiner Chefin mitteilen wann genau ich zurück komme und das mache ich auch. So kommt es, dass meine erste Nachtwache am letzten Montag im Februar wieder beginnt.
Ich habe aber eine unglaubliche Angst davor meinen Dienst anzutreten. Mir rauschen so viele Gedanken durch den Kopf. Zum einen wissen alle Kollegen, dass ich Schwanger gewesen bin, alleine schon aufgrund meines Beschäftigungsverbotes während der Schwangerschaft. Aber auch den Bewohnern wurde mitgeteilt, dass ich schwanger war.
Jetzt kommt noch hinzu, dass es im Haus schon die Runde gemacht hat, dass ich mein Kind verloren habe und zwar am Tag der Kürettage. Dies ist leider nicht sehr schön gelaufen und verunsichert mich zusätzlich, weil nicht ich es erzählt habe. Aber dazu äußere ich mich nicht näher. Ich habe mit den betroffenen Personen geredet, durch die der Flohfunk begann und ganz klar kommuniziert, was ich davon halte. Aber jetzt ist es passiert und ich versuche das Positive darin zu sehen, denn :„Jetzt wissen es schon alle und ich muss es nicht erzählen“.

Diese schrecklichen unbedachten Aussagen

Jetzt habe ich natürlich eine riesen Angst davor, wie die Kollegen reagieren, wenn ich ins Heim zum Dienst komme.

Ich habe Angst, dass es mitleidige Blicke geben wird und dass man mir unangenehme Fragen stellen wird.

Ich habe Angst vor gespieltem Mitgefühl und noch mehr Angst habe ich vor Aussagen wie „Wer weiß wozu es gut war“, „Der Körper selektiert schon richtig“, „natürliche Auslese“ oder „Ach ist doch besser als ein Behindertes Kind zu bekommen haben“ oder „Zum Glück lebte das Kind noch nicht, es war ja auch noch so früh“.

Dieser Art von Aussagen musste ich mich nämlich in letzter Zeit immer wieder gegenüber stellen und ich finde solche Aussagen wirklich nicht toll. Vor allem von Menschen, die diesen Verlust nicht erlebt haben.

Für mich war und ist Krümel mein Kind. Ich habe mein Kind verloren. Ja ich habe Krümel nicht „normal“ Geboren oder im Arm gehalten, ich habe Krümel auch nicht ein Stück in seinem Leben begleiten dürfen, ich kenne den Duft von Krümel nicht und habe nie die Stimme gehört aber dennoch ist Krümel mein Kind, welches ich bereits geliebt habe. Nur das mir nicht vergönnt wurde Krümel kennenzulernen.

Es schmerzt unglaublich, wenn man sein ungeborenes verliert.
Ich habe Angst, dass diese unbedachten Aussagen kommen werden und weiß nicht genau, wie ich damit umgehen soll.

Ich fühle mich eh sehr unsicher, wie ich auf der Arbeit auftreten soll. Ich weiß nicht ob ich mit der Tür ins Haus fallen soll und sofort sagen soll „Hey ich bin wieder im Dienst, weil ich mein Kind verloren habe“ oder ob ich einfach abwarten soll.

Ich möchte nicht angesprochen werden und denke, dass ich es Thematisieren werde, wenn ich so weit bin mit meinen Kollegen darüber zu sprechen.

Ich habe auch ein wenig Angst vor den Aussagen und Reaktionen der Bewohner. Schließlich haben sie bereits erfahren, dass die Dauernachtwache Schwanger sei.
Von daher ist es vielleicht ganz Sinnvoll, dass meine Fehlgeburt auf der Arbeit bereits die Runde gemacht hat. Vielleicht muss ich mich mit dem ganzen dann nicht auseinander setzen. Dennoch bleibt dieser bittere Beigeschmack.

Der erste Dienst

Es ist so weit. 26.2.2018 und ich muss zurück in den Nachtdienst. Ich habe es so gewollt und fahre mit einem mulmigen Gefühl zum Nachtdienst.

Ich betrete das Heim und ziehe mich um. Ich gehe auf die erste Station, wo ich mir die Übergabe holen muss um danach auf die zweite Station für die Übergabe zu gehen.

Mir läuft der Auslöser des Flohfunk über den Weg, weswegen meine Geschichte in Umlauf gekommen ist und wir reden darüber.

Ich sage, dass es mich verletzt hat und ich es wirklich schade gefunden habe, dass ich es erfahren musste; wie ich es erfahren musste und dass es erst so weit gekommen ist. Danach ist das Thema für mich erledigt. Jetzt kann ich eh nichts mehr daran ändern. Und nachtragend will ich nicht sein. Ich finde gut, dass wir gesprochen haben und ziehe einen Schlussstrich.
Dann gehe ich zur nächsten Station. Dort begrüßt man mich freudig. Ich habe gefehlt sagt man mir. Die Umstände sind total beschissen weswegen ich wieder hier sei und dennoch freue man sich, dass ich zurück sei, sagt man mir.

Ich finde es schön, dass man mir das sagt. Ich finde es schön, dass man mich nur stumm drückt und damit das Mitgefühl zum Ausdruck bringt. Ich finde es toll, dass es auch Menschen gibt, die sagen, sie können mich völligst verstehen, so fühl ich mich nicht allein.

Dennoch kommen auch ein paar meiner befürchteten Aussagen, aber ich nicke es nur ab und gehe nicht näher darauf ein.

Andere treten mir gegenüber, als wenn nichts passiert wäre und auch das tut mir gut.
Von den Bewohnern werde ich nur mit nettem Lächeln begrüßt und keiner fragt, warum ich wieder da bin. Sie finden es Augenscheinlich einfach nur schön, dass sie mich wieder sehen.

Ich bin wieder im Alltag angekommen

Mit der Zeit kommen mit und mit Kollegen/innen die Fragen, ob ich darüber spreche. Ob sie mir Fragen dazu stellen können. Ich spreche auf der Arbeit mit der Zeit offen mit den Kollegen/innen. Es tut mir gut, dass mir ehrliches Interesse entgegen kommt. Dennoch merke ich auch, dass es Menschen gibt, die das nicht wissen möchten und das ist okay so.

Das Thema Fehlgeburt ist sensibel und leider auch ein Tabu. Da verstehe ich das Unbehagen von manchen Menschen.
Mir fällt es von Dienst zu Dienst leichter zur Arbeit zu gehen und ich merke, dass ich mittlerweile wieder in meinen Alltag, in meine Routine gefunden habe.
Meine Ängste haben sich nicht bestätigt und ich bin froh, dass ich weitestgehend von den dummen Aussagen verschont geblieben bin.

Mittlerweile denke ich, dass Menschen, die nie eine Fehlgeburt erlebt haben, es einfach nicht besser wissen.
Auch meiner Familie fällt es auf, dass es mir wieder deutlich besser geht und das tut uns allen gut.

Wir verlieren nicht die Hoffnung

Mein Mann und ich sind uns mittlerweile auch sicher, dass wir trotz dem Verlust von Krümel, ein weiteres Kind möchten. Wir wissen nicht ob wir dieses Glück noch mal bekommen werden, aber wir haben die Hoffnung auf ein Regenbogenkind, auf unser Folgewunder nach der missed abortion.
Ich habe die Hoffnung, dass das Thema Fehlgeburt irgendwann nicht mehr so ein Tabu in unserer Gesellschaft ist und dass man darüber ohne Ängste und Hemmung sprechen kann. Ja, es ist eine sensible Thematik und dennoch hilft es darüber zu reden. Mir hat es geholfen.

Ich habe in erster Linie durch das darüber reden und das zulassen meiner Trauer und die damit verbundene Verarbeitung zurück in mein Leben gefunden.
Kennst du jemanden, der auch solche Erfahrungen gemacht hat oder hast du dies selbst erlebt? Wie erging es dir? Magst du davon erzählen? Ich gebe dir gerne eine Plattform dafür oder verlinke deinen Text, falls du selbst darüber gebloggt hast.

Schreibe einen Kommentar

*

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu